Schach im Löwenkäfig

 

Ein Bericht von 1910 über eine kuriose Schachdarbietung:

 

Die junge und schöne französische Löwenbändigerin Olga Jeanet gibt gegenwärtig in verschiedenen Städten Vorstellungen und erregt durch die Sicherheit ihres Auftretens und die Grazie, mit der sie ihre Tiere vorführt, großes Aufsehen. In Mailand hatte sie den Photographen unsers Bildes, Herrn Fiorilli, veranlaßt, mit ihr und dem Kavalleristen Mario Cavazzutti den Käfig eines Löwen und eines Panthers zu betreten, um verschiedene Aufnahmen von ihr zu machen. Dem Photographen hat der Aufenthalt in dem Käfig anscheinend so gut behagt, daß er sich erbot, mit dem Kavalleristen eine Partie Schach in Gegenwart des Löwen zu spielen. Allerdings sollte auch ein Wärter mit in den Käfig gehen. Wie es nicht anders sein konnte, wurde das Wagnis zum Gegenstand einer Wette gemacht. Die drei betraten also den Käfig, und die Spieler stellten ihre Figuren auf. Der Löwe war damit aber nicht einverstanden; mit einem Schlag seiner gewaltigen Pranke warf er die Figuren durcheinander. Die Spieler ließen sich indessen durch dieses unfreundliche Eingreifen nicht abschrecken, der Wärter beruhigte den Löwen, und bald hatten sie das Vertrauen des Königs der Wüste in solchem Maße erworben, daß er sich ruhig hinlegte und es duldete, daß die beiden Spieler sich mit ihrem Schachbrett zu ihm setzten. So zeigt sie unser Bild. Die Schachspieler widmeten ihre Aufmerksamkeit nun „ganz“ dem Spiel – daran ist natürlich nicht zu zweifeln. Oder doch? Jedenfalls war die Situation der beiden nicht gerade beneidenswert. Aber sie haben die Partie zu ende gespielt – richtig und jeden Zug mit Ueberlegung, versicherten die Spieler; Herr Fiorilli gewann sie und damit auch die abgeschlossene Wette.

 

(Quelle: Schwäbisches Bilderblatt, 3. Jg. 1910, Nr. 1; ist auch enthalten in: Beilage zum Mainhardter "Wald-Boten", Nr. 16, 1909)

 

 

© Martin Ramsauer, 9.2.2013, ergänzt am 11.12.2014