Vom Wesen des Schachspiels: Aljechin, Bogoljubow, Tartakower

Im Anschluß an das internationale Schachturnier in San Remo 1930 wurden der mit großem Vorsprung siegende Weltmeister Alexander Aljechin, sein damals schärfster Konkurrent um den Weltmeistertitel Efim Bogoljubow und Savielly Tartakower darüber befragt, was in ihren Augen das Besondere des Schachspiels ausmacht:

 

Was ist Schach?

Drei Schachmeister äußern sich über ihre Kunst

 

Sehr reizvoll ist es, [Schachmeister]über die Kunst des Schachspiels urteilen zu hören. In den drei verschiedenen Aeußerungen spiegeln sich drei verschiedene Temperamente. Man höre:


Dr. Aljechin

Ich habe in den vielen Kämpfen mit großen Meistern sowohl die Kunst des Schachspiels als auch mich selbst, meine Fähigkeiten und meine Fehler recht gut kennengelernt. Meine Gegner waren mir die besten Lehrer, die Wettkämpfe mit so erprobten Größen des Schachs die beste Schulung. Ich habe dabei nicht nur mein Fachwissen vertieft, sondern auch mein Denken geschärft und Temperament, Nerven und Willen beherrschen gelernt. Gerade das ist vielleicht das wichtigste beim Schachspiel, wie in jedem Kampf. Was nützen glänzende Begabung und vollendetes Können, wenn man seiner Nerven nicht sicher ist? Schachspiel ist intensivstes Training der Verstandesschärfe wie der Willenskraft, und darin liegt sein großer erzieherischer Wert.

 

Bogoljubow

Schachspiel ist Kampf, und das ganze Spiel hindurch gilt es, mit seiner ganzen Kraft, seinem ganzen Können, seiner ganzen Person sich einzusetzen. Deshalb verdient es mit Recht den Namen „Spiel der Könige“. Männer, die Kampfnaturen sind und mit den Waffen des Geistes zu fechten verstehen, sind im Schach in ihrem Element. Wenn man aber noch so gut in Form ist, so ist man doch nicht immer gut disponiert. Die Nerven sind ein unendlich feines Instrument, und jeder hat Stunden, Tage, Wochen einer oft unmerklichen Unstimmigkeit oder Mißstimmung. Aber schließlich gehört zu jedem Sieg und Erfolg auch das Glück. Das ist ja das Wundervolle, das Romantische in der Mathematik des Schachs, daß die genaueste, richtigste Berechnung plötzlich irgendwie über den Haufen geworfen werden kann. Das Schachspiel ist mehr als ein bloßes Rechenexempel, es ist Kampf, und im Kampf ist das Ueberraschendste und Unglaublichste möglich.

 

Dr. Tartakower

Die Erregung des Kampfes, das gesteigerte und beherrschte Spiel der Nerven ist mir der größte Reiz am Schachbrett. Oft genug passiert es mir, daß mir mitten im Spiel irgend etwas anderes einfällt, das mir auch interessant und wichtig erscheint. Da genügt denn ein Moment der Ablenkung, um ein schon fast gewonnenes Spiel zu verlieren. Nur einer kann Sieger sein. Es wäre Anmaßung und Selbstüberhebung, immer dieser eine sein zu wollen. Solche eitle Egoisten sind keine würdigen Jünger des königlichen Spiels, das durch strengste Sachlichkeit und Selbstbeherrschung ausgezeichnet ist. Den eigenen Vorteil, das eigene Ich über die anderen Menschen zu stellen: wäre das die unparteiische reine Sachlichkeit und maßvolle Beherrschtheit, die das Schach charakterisiert und adelt?

 

(Quelle: Schwäbischer Merkur, Nr. 34, 12. Februar 1930, S.10)

 

 

Interessant, dass alle drei Meister die Kontrolle ihrer Nerven höher bewerten als rein schachliches Wissen.

 

 

© Martin Ramsauer, 20.4.2013