Samuel Reshevsky in Berlin 1920

 

Die Deutsche Schachzeitung berichtet in ihrer Januarausgabe von 1920 über den Aufenthalt des polnischen Schachwunderkindes Samuel Rzeschewski in der deutschen Hauptstadt:

 

Der Schachwunderknabe S. Rzeschewski hielt sich im vorigen Monat einige Wochen hier auf und erregte in den hiesigen Schachkreisen mit Recht das größte Aufsehen. Nachdem er in einigen Simultanvorstellungen gegen etwa zwanzig Spieler von mittlerer oder geringerer Qualität verblüffende Erfolge erzielt hatte, beschloß die "Berliner Schachgesellschaft", ihn einer maßgebenden Prüfung zu unterziehen, um ein Urteil über die tatsächliche Spielstärke des achtjährigen Knaben zu erlangen. Es wurde zu diesem Zwecke am 18. Januar eine Simultanvorstellung veranstaltet, bei der zwanzig Spieler von guter zweiter Klubklasse gegen den kleinen Schachkünstler in die Schranken traten. Anerkannte Meister pflegen bei derartigen Vorführungen etwa 25 Partien gegen Spieler von durchschnittlich dieser Stärke zu übernehmen. Die dem Knaben gestellte Aufgabe entsprach also beinahe der von einem Meister geforderten, und er bewältigte sie in glänzender Weise. Zugegeben sei, daß er nicht mit der Schnelligkeit eines Meisters spielte, aber was die Qualität seines Spiels anbelangt, so stand sie annährend auf der Höhe einer Simultanvorstellung von seiten eines Meisters. Nach fünfstündigem Kampfe waren zwar erst sechs Partien entschieden, aber der kleine Rzeschewski hatte sie sämtlich gewonnen. Die anderen vierzehn Partien wurden den anwesenden Meistern Mieses und Post zur Beurteilung vorgelegt. Das Ergebnis war, daß der Knabe zehn Partien gewonnen, neun remis gemacht und nur eine verloren hatte. Erstaunlich, bei einem Kinde in so zartem Alter geradezu unbegreiflich, war die Ruhe und Ausdauer, die er den stundenlangen Kampf hindurch an den Tag legte, und die Schlagfertigkeit, mit der er in verwickelten Stellungen die Gegner aufs Glatteis zu führen vertand, riß die Zuschauer oftmals zu lebhaften Beifallsbezeugungen hin.

 

Und etwas später mit durchaus angebrachter Kritik:

 

Bei aller Bewunderung für diese phänomenale, in der Geschichte des Schachspiels noch nie dagewesene Erscheinung können wir doch nicht die Bemerkung unterdrücken, daß Anstrengungen, wie sie hier einem kindlichen Gehirn und Organismus zugemutet werden, eine schwere gesundheitliche Gefahr bilden. In den Beifallssturm der staunenden Zuschauermenge mischte sich denn auch ein gewisses Gefühl der Beklemmung.

 

(Quelle: Deutsche Schachzeitung, Nr. 1, 1920, S.21f.; Bernhard Kagan übernahm diese Passage wörtlich in seiner Monographie Samuel Rzeschewski : das Schachwunderkind, Berlin [1920], S.7f.)

 

Das folgende Foto wurde seinerzeit in Berlin aufgenommen:

 

(Quelle: Schwäbisches Bilderblatt, 13. Jahrgang, Nr. 5, 1920)

 

Offensichtlich ist, dass das Bild nicht während einer der Simultanvorstellungen aufgenommen worden ist - hier spielt der kleine Samuel am Brett sitzend eine einzelne Partie.

Die Deutsche Schachzeitung bzw. Kagan geben hierüber womöglich Auskunft:

 

Eine noch härtere Probe hatte das Schachwunderkind in zwei ernsten turniermäßigen Partien gegen den bekannten Berliner Spieler F. Sämisch zu bestehen. Sämisch gehört zweifellos zu den stärksten Amateuren Deutschlands. Zum Kampf mit einem Spieler dieses Kalibers fehlt dem kleinen Rzeschewski natürlich noch die nötige Erfahrung. Er hatte ja noch nie zuvor eine Partie mit der Uhr gespielt. An der gediegenen Partieanlage des ihm an Positionsurteil überlegenen Gegners scheiterte der achtjährige Spieler zwar, aber er verstand es, mit verblüffender Kaltblütigkeit und ausgesprochenem taktischen Blick sich aus bedrängten Lagen so gut wie möglich herauszureißen.

 

(Quelle: Deutsche Schachzeitung, Nr. 1, 1920, S.19 bzw. Kagan, op. cit., S.8)

 

Kagan druckt die beiden Partien als Nr. 17 und 18 in seinem Büchlein ab. Hier die Partie, in der Samuel die schwarzen Steine führte:

 

Friedrich Sämisch - Samuel Reshevsky

1.d4 d5 2.Lf4 e6 3.e3 Sf6 4.c3 a6 5.Sd2 c5 6.Ld3 Sc6 7.Sgf3 c4 8.Lc2 b5 9.e4 Le7 10.e5 Sd7 11.O-O h5 12.Kh1 Sf8 13.De2 g5 14.Le3 f5 15.exf6 Lxf6 16.Tae1 De7 17.Se5 Sxe5 18.dxe5 Lxe5 19.Lxg5 Dxg5 20.Sf3 Dg7 21.Sxe5 Lb7 22.f4 Tg8 23.Dxh5+ Ke7 24.Dh4+ Kd6 25.Df2 Kc7 26.Sf3 Te8 27.Sd4 Th8 28.Te3 Df6 29.Tfe1 Lc8 30.Lf5 Kd6

 

Die Partie wurde hier abgebrochen und ist nicht zu Ende gespielt worden. Sie ist, wie leicht ersichtlich, für Schwarz nicht zu halten.

 

(Quelle: Kagan, op. cit., S.28f.)

 

Es drängt sich die Frage auf, ob das Foto bei dieser Gelegenheit entstand. Zunächst ist festzuhalten, dass auf dem Foto die bei Kagan erwähnte Schachuhr fehlt. Es ist also keinesfalls während der Partie entstanden, möglicherweise aber bei der anschließenden Analyse der Partie bzw. nach einem bewußten Arrangement der Figuren.

Die Schachstellung auf dem Foto hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Position aus der obigen Partie, etwa nach dem 14. Zug von Schwarz:

Die offensive Grundausrichtung der schwarzen Steine am Königsflügel ist auch auf dem grobkörnigen Foto erkennbar; gut möglich, dass sie aus der Analyse der tatsächlich gespielten Partie entstanden ist.

 

Klarheit in die Sache würde der Nachweis bringen, dass Samuels Gegner auf dem Foto wirklich Fritz Sämisch ist. Wie erwähnt, befand sich Sämisch damals noch am Anfang seiner Schachlaufbahn, Einladungen zu internationalen Turnieren erhielt er erst in den folgenden Jahren. Daher ist es schwierig, Fotos von Sämisch aus dieser Zeit zu finden.

Das Turnierbuch des Schachkongresses in Teplitz-Schönau 1922 enthält das folgende gezeichnete Porträt Sämischs:

(Quelle: Schachkongress Teplitz-Schönau im Oktober 1922 / herausgegeben von J. Schorr, Teplitz-Schönau 1923, S.144)

 

Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Foto und Zeichnung ist unverkennber: Kurzes, dunkles und zurückgekämmtes Haar, ausgeprägte Nase, der auf dem Tisch aufgestützte Ellbogen. Diese Merkmale hat Sämisch beibehalten, wie ein Foto aus späteren Lebensjahren zeigt:

http://www.chesshistory.com/winter/winter61.html (vgl. Foto in Chess Notes Nr. 6272).

 

Letztlich muß es Spekulation bleiben, wer Samuels Gegner auf dem Foto ist. Ebenfalls ungeklärt ist die Identität des Kiebitzes zwischen den beiden.

 

 

© Martin Ramsauer, 24.3.2013