Hans-Georg Gadamer

 

 

 

Auf dem Weg durch die Vitrinengassen im Dauerausstellungsraum des Literaturmuseums der Moderne (LIMO), eines der Gebäude des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar, stößt der Schachliebhaber unerwartet auf ein Objekt, das sein Herz höher schlagen läßt: Schachfiguren in einer Holzschatulle!

Hat sich der Puls beruhigt, haben sich die Augen an das diffuse Licht gewöhnt, stößt sich der analytische Blick an der Tatsache, dass nur schwarze Figuren vorhanden sind, die zudem für ihr Behältnis deutlich zu groß ausgefallen sind. Im Begleittext des Audioguides fehlt jeder Hinweis, der zur Aufklärung dieses Rätsels beitragen könnte.

Der zweite Blick verrät, dass die Figuren aus dem Besitz des Philosophen Hans-Georg Gadamer stammen (zu Leben und Werk siehe beispielsweise http://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Georg_Gadamer).

 

Dem neben den Schachfiguren liegenden Zeitungsausschnitt ist zu entnehmen, dass Gadamer in jungen Jahren Mitglied des Marburger Schachklubs war und sich an Vereinsturnieren beteiligte. Mit Erfolg:

 

Giese - Hans-Georg Gadamer

Vereinsmeisterschaft Marburg

20. November 1933 0-1 (Damenbauernspiel D05)

 

1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.e3 e6 4.Ld3 Le7 5.Sbd2

Zur Vorbereitung des Vorstoßes e3-e4, also Damenbauernspiel mit Aufbau nach Colle.

5...Sbd7 6.c3 O-O 7.e4 dxe4 8.Sxe4 Sxe4 9.Lxe4 Sf6 10.Ld3 Te8 11.O-O c5! 12.dxc5 Lxc5 13.b4?

 

Sieht zwar stark aus, schafft aber auf c3 einen rückständigen Bauern, der eine Marke zum Angriff darbietet und dadurch zur Ursache aller späteren Schwierigkeiten wird.

13...Ld6 14.Lg5

Hier kam Lc1-b2 sehr in Betracht.

14...e5 15.Te1

Oder Lg5xf6 und Sf3-d2-e4!

15...Lg4 16.Le4! Tc8! 17.Dd3 h6 18.Lxf6 Dxf6 19.Lxb7 Tc7 20.Le4 Lxf3 21.Lxf3 Tec8!

Jetzt wirkt sich die Schwäche von c3, auf die Schwarz sehr bewußt spielt, schon recht unangenehm aus. Denn Deckung von c3 durch Tc1 genügt nicht wegen Ld6xb4!

22.a3 Txc3

Weiß muß den gewonnenen Bauer wieder zurückgeben. Schwarz hat Gegenangriff.

23.Da6

Gegen Dd5 sprach a7-a5.

23...T8c7

Hierzu äußerte sich der führer der weißen Steine wie folgt: "Nachdem ich Da6 gezogen hatte, bemerkte ich zu meinem Schreck folgende Kombination: 23...e4 24.Lxe4 Lxh2+ 25.Kxh2 Dxa6!! Aber 24.Lf3-e2 hätte die Dame gerade noch retten können!!"

24.Le4

Eben wegen dieser Kombination.

24...g6 25.Tad1 Le7 26.Dxf6?

Der Damentausch war nicht notwendig und sicher nicht das Beste.

26...Lxf6 27.Td6 Kg7 28.Ta6 Td7! 29.g3 Ld8

Der schwarze Läufer soll über d8 nach b6, wo er defensiv und aggressiv gleich stark steht, deshalb hätte Weiß a3-a4-a5 versuchen sollen, worauf der schwarze Läufer allerdings immer noch den Punkt d4 gefunden hätte.

30.Lc6 Td6 31.b5

Erzwungen! Nun steht der Ta6 sehr schlecht.

31...Lb6 32.Txe5?

Bedenklich, da der Turm auf e2 zum Schutze der 2. Linie nötig ist.

32...Td2! 33.Kg2

Nun kommt das Spiel des Weißen rasch ins Gleiten. Es konnte noch Qualitätsopfer mit Ta6xb6 versucht werden.

33...Txf2+ 34.Kh3 Tcc2 35.Te7 Txh2+ 36.Kg4 Kf6 37.Taxa7 h5+

Schwarz führt den jetzt allerdings übermächtigen Angriff mit stärkster Energie.

38.Kf4 g5+ 39.Ke4 Tce2+

und Weiß gab nach einigen unwesentlichen Zügen auf. (Eine von Dr. Gadamer sehr folgerichtig aufgebaute und fehlerfrei durchgeführte Partie gegen den ersten Preisträger des Turniers um die Klubmeisterschaft).

 

[Marburger Zeitung, Nr. 111, 14. Februar 1933]

 

 

Etwas mehr Aufschluß über Gadamers Beschäftigung mit dem Schachspiel gibt Dieter Henrich in seinem Aufsatz Schach mit dem Meister der Maieutik in: Begegnungen mit Hans-Georg Gadamer / herausgegeben von Günter Figal, Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2000 [Universal-Bibliothek Nr. 18029], S.33-42.

Während seiner Dozentenzeit in Marburg habe Gadamer am zweiten Brett des Marburger Schachklubs gespielt. Als Student gelang Henrich beinahe ein Sieg gegen seinen Professor Gadamer, der während des Sommersemesters ein Schachturnier organisierte: „Fast hätte ich ihn mattgesetzt. Aber dann machte ich einen nervösen Zugfehler, den der erfahrene Defensivspieler konsequent zum Zusammenbruch meiner Angriffsoposition ausnutzte, so daß er mich zur Aufgabe nötigte“.

 

 

© Martin Ramsauer, 12.1.2013