Von April bis Juni 1934 fochten Titelverteidiger Alexander Aljechin und sein Herausforderer Efim Bogoljubow zum zweiten Mal nach 1929 um den Titel des Schachweltmeisters. 24 der 26 Partien wurden in süddeutschen Städten ausgetragen, die beiden letzten Begegnungen fanden in Berlin statt.

Vom 28. April bis zum 4. oder 5. Mai waren die beiden Kämpen in Stuttgart zu Gast, um dort die elfte und zwölfte Partie des Wettkampfs zu spielen. Am 28. April wurden Aljechin und Bogoljubow im Hotel Marquardt vom damaligen Vorsitzenden des Schwäbischen Schachbundes, Ernst Kübler, begrüßt, und schon für den darauffolgenden Tag war ebendort die elfte Wettkampfpartie angesetzt. Nach zwei spielfreien Tagen wurde die zwölfte Partie am 2. und 3. Mai gespielt, die dreizehnte Partie fand am 6. und 7. Mai in München statt, weshalb die Abreise aus Stuttgart am 4. oder 5. Mai anzusetzen sein dürfte.

Aljechin nutzte die spielfreien Tage während des Wettkampfs für eine Reihe von Simultanveranstaltungen: 7. April: Baden-Baden, 16. April: Konstanz, 30. April: Stuttgart, 9. Mai: München, 18. Mai: Regensburg, 24. Mai: Nürnberg. Zusammen 251 Partien mit dem Ergebnis +192, =33, -26 – eine beeindruckende Bilanz angesichts des kräftezehrenden Programms.

 

Die Daten für diese Veranstaltungen lassen sich in der wohl umfangreichsten Partiensammlung Aljechins nachlesen:

 

Leonard M. Skinner / Robert G. P. Verhoeven: Alexander Alekhine´s chess games, 1902-1946 : 2543 games of the former world champion, many annotated by Alekhine, with 1868 diagrams, fully indexed / with a foreword by Alex A. Aljechin, Jefferson, North Carolina: McFarland & Company, Inc., Publishers 1998.

 

Das besondere Verdienst der Autoren ist es, aus einer unglaublichen Fülle an ausgewertetem Material sämtliche Originalkommentare Aljechins in dem Buch zusammengetragen zu haben.

Aus Aljechins Simultanveranstaltungen während der Weltmeisterschaft findet sich bei Skinner/Verhoeven keine einzige Partie. Zeitgenössische Quellen können hier Abhilfe schaffen. Zunächst berichtet der Stuttgarter NS-Kurier vom 2. Mai 1934 in einem schönen Artikel von der Stuttgarter Vorstellung:

 

Einer gegen siebenunddreißig : Ein großer Tag des Weltschachmeisters

 

Der Weltmeister im Schach spielte im Marquardt simultan. Nach der 11. Wettkampfpartie, die am Sonntag hier in Stuttgart vor außerordentlich zahlreichen Zuschauern begonnen wurde, war gestern eine Gefechtspause eingelegt worden. Die Meister benützten die freien Stunden, um die Umgebung der schwäbischen Landeshauptstadt, die in herrlichstem Blütenschmuck sich zeigt, näher anzusehen. Gestern abend flammte die Schachbegeisterung mächtig auf. Der Weltmeister Dr. Aljechin hatte sich bereit erklärt, gegen 35 Spieler in die Schranken zu treten.

Um 7.30 Uhr war der Festsaal im Marquardt bereits dicht gefüllt. Leider waren die 35 Bretter rasch vergeben, so daß mancher, der seine Kräfte im Kampf mit Dr. Aljechin erproben wollte, sich mit dem Zuschauen zufrieden geben mußte. Wie vorauszusehen war, wurde die Schlacht zu einem großen „Schlachten“, denn der ehrgeizige Meister aller Schachspieler war in glänzender Spiellaune. Zwar waren aus den 35 Brettern 37 geworden, doch der Meister beließ es dabei.

Nach kurzer Begrüßung durch Herrn Allmendinger vom Verband Groß-Stuttgarter Schachvereine begann der große Kampf. Mit unglaublicher Geschwindigkeit machte der Weltmeister Runde um Runde und schon nach kurzer Zeit trugen einige Partien das Zeichen des Todes. Viele der routinierteren Spieler versuchten vergebens ohne Nachteil aus der Eröffnung zu kommen, nur wenigen gelang es, gleiches Spiel oder gar minimalen Vorteil zu erlangen. Mancher sah seine nach eigener Meinung so solid aufgebaute Stellung unter den Hammerschlägen weltmeisterlicher Spielführung zusammenbrechen. Verstellt gar einmal ein Spieler, entgegen der Anordnung der Leitung, seine Figuren, der große Alexander merkt sofort die kleinste Veränderung und weist den Sünder in launiger Weise zurecht.

Inzwischen lichten sich die Reihen der Spieler mehr und mehr. Immer rascher ist der Simultanspieler wieder am Brett, die Bedenkzeit wird bedenklich knapp. Der Widerstand, der dem Weltmeister entgegengesetzt wird, ist in Anbetracht der vielen sehr starken Spieler beträchtlich. Nach etwa sechsstündiger Arbeit ist Dr. Aljechin mit der letzten Partie fertig. Folgende 7 Spieler konnten den Weltmeister überwältigen: Neef, Stuttgart; Lehmann, Tübingen; Schuster, Cannstatt; Specker, Geislingen; Dr. Weber, Stuttgart; Heß, Stuttgart und Itler, Zuffenhausen. Remis erzielten 4 Spieler: Rahn, Eßlingen; Dr. Eitel, Stuttgart; Berner, Reutlingen; Sänger, Schorndorf. Die übrigen 26 Partien gewann der Weltmeister. In Anbetracht der außerordentlich starken Besetzung ein sehr gutes Ergebnis, wie auch die Zahl der Sieger der Spielstärke der schwäbischen Schachfreunde das beste Zeugnis anstellt. Das Resultat wurde mit großem Beifall aufgenommen.

Die Vorstellung, der gegen 200 Zuschauer beiwohnten, wird den Anwesenden eine schöne Erinnerung an die Stuttgarter Kampftage um die Weltmeisterschaft sein.

 

(zitiert aus: Stuttgarter NS-Kurier, Nr. 201, 2. Mai 1934, S.4)

 

Theo Schuster (Jahrgang 1911) gehörte damals trotz seiner jungen Jahre zur Württembergischen Spitzenklasse. Sein Lehrmeister Theobald Heß galt als Mittelpunkt des Schachlebens im Stuttgarter Eberhardsbau und Fürstenhof. Seinen größten Erfolg hatte er 1921 mit dem Gewinn der Süddeutschen Meisterschaft feiern können. Auch Gerhard Berner (Jahrgang 1907) muß zur Württembergischen Spitze jener Jahre gezählt werden. Seinen größten Erfolg sollte er 1936 mit dem 2. Platz im Stuttgarter Meisterturnier erzielen. (Alle Angaben übernommen aus Eberhard Herter: Schach in Württemberg, Weil der Stadt 2000)

 

Einige Zeit später werden im Stuttgarter NS-Kurier zwei Partien veröffentlicht:

 

Am 30. April gab der Weltmeister Dr. Aljechin in Stuttgart im Hotel Marquardt ein Reihenspiel an 37 Brettern. Da sich die stärksten Spieler beteiligten, hatte der Weltmeister keinen leichten Stand. Nach 5½stündigem Kampfe war das Ergebnis für Dr. Aljechin: +26, -7 = 4 (26 gew., 7 verl., 4 remis).

Zwei Partien aus der Simultan-Vorstellung

 

Weiß: Dr. Aljechin

Schwarz: Dr. Weber mit Beratung

 

1.e4 c6 2.d4 d5 3.exd5 cxd5 4.c4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Lg5 e6 7.Sf3 Le7 8.Ld3 O-O 9.O-O b6 10.a3 Lb7 11.b4 dxc4 12.Lxc4 Tc8 13.Dd3 Sh5! 14.Lxe7 Dxe7 15.Se2 Tfd8 16.La6 Sb8 17.Lxb7 Dxb7 18.Tac1 Dd5 19.De3 Sc6 20.Tfd1 Sf6 21.h3 h6 22.g4 De4 23.Sc3 Dxe3 24.fxe3 Sd5 25.Sxd5 exd5 26.Kf2 f6 27.Tc3 Se7 28.Tdc1 Txc3 29.Txc3 Tc8 30.Txc8+ Sxc8 31.e4 dxe4 32.Sd2 Sd6 33.Ke3 Kf7 34.d5

 

 

 

34....b5!! 35.Kd4 Ke7 36.Sb3 g6 37.Sa5 f5 38.Sc6+ Kf6 39.Sxa7 f4 40.Sc6 f3 41.Ke3 Sc4+ 42.Kf2 Sxa3 43.h4 Sc4 44.Sd4 Ke5 45.Se6 Kxd5 46.Sf4+ Kd4 47.Sxg6 Se5! 48.Sxe5 Kxe5 49.Ke3 f2 50.Kxf2 Kf4 51.g5 hxg5 52.h5 Kf5 53.Kg3 Kf6! Und Weiß gab auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiß: Dr. Aljechin

Schwarz: Eugen Creuz

 

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.O-O Sxe4 5.d4 Sd6 6.Lxc6 bxc6 7.dxe5 Sb7 8.b3 Le7 9.Lb2 O-O 10.Sbd2 f5 11.Te1 Sc5 12.Sd4 Se6 13.S2f3 Lb7 14.Dd3 Sf4 15.Dc4+ Sd5 16.e6? c5! 17.Sb5 d6 18.Tad1 c6 19.Sc3 Dc8 20.Sxd5 cxd5 21.Txd5 Lxd5 22.Dxd5 Dc7 23.Sg5 Da5 24.Sf3 Dxa2 25.Lc1 Da5 26.Ld2 Dc7 27.Sg5 Tae8 28.Sf7 Lf6?

 

 

 

29.Sxd6 aufgegeben.

 

(zitiert aus: Stuttgarter NS-Kurier, Nr. 229, 19. Mai 1934, S.14)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiteres Material zur Stuttgarter Simultanveranstaltung findet sich in der Festschrift zum hundertsten Bestehen des Schachclubs Geislingen / Steige. Zitiert wird die Geislinger Zeitung vom 4. Mai 1934:

 

Der hiesige Schach-Club ließ es sich nicht nehmen, an dem am vergangenen Montag stattgefundenen Simultan-Wettkampf von Weltmeister Dr. Aljechin aktiv teilzunehmen. Bei unserem Eintreffen im Hotel Marquardt war dort eine große Menschenmenge versammelt. Die Geislinger Mannschaft bestand aus den Herren App, Frey, Schneider und Specker. Um 8.15 Uhr kommt der Aufruf, unsere Plätze einzunehmen. Bald darauf betrat Weltmeister Dr. Aljechin den Saal, lebhaft begrüßt. Gegen 37 Gegner, viele Zuschauer und Ratgeber hatte der Weltmeister anzukämpfen.

20.25 Uhr. Dr. Aljechin beginnt das Turnier mit weiß an 37 Brettern in einem rasenden Tempo. Leichten Fußes eilt er von Brett zu Brett. Die Zigarette stets in seiner Rechten. Aljechin ist ein Linkshänder, er führt seine Züge mit der linken Hand aus. Der Weltmeister beginnt mit verschiedenen Eröffnungen und läßt darauf sofort heftige Angriffe folgen; wir haben Mühe, uns zu verteidigen. Immer müssen die stürmischen Angriffswellen durch Abdeckungen gestoppt werden. Einigen Spielern gelingt es, durch Abtausch ihre Partien offen zu gestalten; diejenigen aber, die ihr Heil im Kombinationsspiel suchen, werden durch Aljechins Angriffe technisch erdrückt.

Geislingen hält sich zu Anfang an sämtlichen 4 Brettern sehr gut. Doch allmählich werden einzelne von uns das Opfer von Aljechins Kombinationen. Mitternacht ist vorüber, noch immer wogt der Wettkampf. 1.30 Uhr. Aljechin hat 2 Partien verloren und weitere 2 unentschieden. Der Dr. wird nun sichtlich erregt. Die restlichen Partien kamen allmählich ins Endspiel. Immer langsamer macht er seine runde. Herr Specker vom Schach-Club Geislingen hat sich einen Vorteil herausgespielt. Alle übrigen Spieler von Geislingen sind bereits ausgeschieden. Der Geislinger hält sich tapfer, hat zwei Freibauern und Stellungsvorteil; kurz nach 2 Uhr muß der Weltmeister aufgeben, der Geislinger ist Sieger. Wir gratulieren. Um ½ 3 Uhr wird das Resultat bekannt gegeben: 26 mal gewonnen, 4 mal remis und 7 mal verloren.

 

Weiß: Alexander Aljechin

Schwarz: Ferdinand Specker

 

1.e4 e5 2.d4 exd4 3.c3 Sc6 4.cxd4 d5 5.e5 Lb4+ 6.Sc3 Sge7 7.Le3 O-O 8.Ld3 Lf5 9.Se2 Lxd3 10.Dxd3 Dd7 11.Sg3 f6 12.f4 fxe5 13.fxe5 Dg4 14.a3 La5 15.De2 Lxc3+ 16.bxc3 Dxe2+ 17.Kxe2 Sa5 18.Sh5 Sc4 19.Lg5 Sg6 20.g3 Tae8 21.Thf1

 

 

 

21....Scxe5 22.Txf8+ Sxf8 23.Kf1 Sf3 24.h4 Sxg5 25.hxg5 Te3 26.Sf4 c6 27.Tb1 b6 28.Se2 Se6 29.Kf2 Td3 30.g6 hxg6 31.a4 Sg5 32.a5 Se4+ 33.Ke1 b5 34.Tc1 Te3 35.Kd1 Sxg3 36.Sf4 Kf7 37.Kd2 Tf3 38.Sd3 Se4+ 39.Kc2 Ke6 40.Th1 Txd3 41.Th8 Txc3+ 42.Kb2 Tf3 43.Te8+ Kd6 44.Td8+ Kc7  0-1

 

 

 

 

 

 

 

 

(zitiert aus: Festschrift : 100jähriges Jubiläum des Schach-Clubs Geislingen 1881 vom 17. bis 23. Mai 1981, Geislingen / Steige 1981, S.41-43; die Website des Schach-Clubs Geislingen verweist in ihrer Chronik auf diese Simultanveranstaltung, bringt aber nicht die vorstehende Partie, vgl. http://schach-geislingen.de/index.php?option=com_content&view=section&layout=blog&id=9&Itemid=63. Aus der Online-Chronik geht hervor, dass Ferdinand Specker von 1960-1984 Vorsitzender des Schach-Clubs Geislingen war. )

 

 

 

© Martin Ramsauer, 26.1.2013