Ajeeb

In einem umfangreichen Artikel im British Chess Magazine 1978 beschreibt Kenneth Whyld die wechselvolle Geschichte des nach dem „Türken“ des Baron von Kempelen berühmtesten Schachautomaten: „Ajeeb“, der 1868 von Charles Alfred Hooper konstruiert wurde – und der wie sein Vorgänger eine Augenwischerei war. In einer frühen Beschreibung versucht H. F. L. Meyer, die Funktionsweise des Automatens zu ergründen, schließt elektrische Leitungen zur Übertragung von Signalen ebenso aus wie einen im Inneren der Figur verborgenen Menschen. Er vermutet Magnetismus als treibende Kraft – die Faszination dieses physikalischen Phänomens, das auch schon zur Erklärung von Kempelens Schachtürken herangeführt wurde, war noch ungebrochen. Eine Illustration gibt einen Eindruck von der Beschaffenheit des Automaten in jenen Jahren:

 

(Quelle: Deutsche Schachzeitung, Mai 1869, S.141-144)

 

Eine sehr ausführliche Beschreibung Ajeebs findet sich in der Deutschen Schachzeitung vom Mai 1877. Oscar Dalisch äußert darin als erster den Verdacht, dass in der Figur doch ein Mensch als Bediener verborgen sei. In seiner Beschreibung weist er auf den achteckigen Unterbau des Automaten hin (vgl. Abbildung oben). 1885 wurde Ajeeb nach New York gebracht, wo er im Eden-Museum Aufnahme fand und in den folgenden Jahren durch zahlreiche Siege bei öffentlichen Demonstrationen für Aufsehen sorgte. Hier erfolgte ein Umbau seines Postaments: Fortan thronte Ajeeb auf einem runden Tisch, der an der Frontseite durch einen rechteckigen Kasten unterstützt wurde; die ganze Konstruktion war durch eine Decke verhängt. In diesem veränderten Zustand ist der Automat auf dem Deckblatt des Pamphlets The Adventures of Ajeeb von Charles Alfred Hooper aus dem Jahr 1885 dargestellt. Das seltene Büchlein ist laut http://www.worldcat.org/ nur in fünf öffentlichen Bibliotheken vorhanden.

Die nächste Quelle, die Whyld für seinen Aufsatz heranzieht, ist ein Artikel im New York Herald vom 16. Dezember 1923. Zu diesem Zeitpunkt war das Eden-Museum schon seit acht Jahren geschlossen, das Inventar inklusive Schachautomat an Hamid´s auf Coney Island verkauft; Ajeeb spielte jetzt ausschließlich Damepartien.

Das lange Schattendasein Ajeebs in der Presselandschaft kann der folgende Bericht überbrücken; das Foto zeigt Ajeeb in seiner umgebauten Gestalt: Die Decke ist gut erkennbar, die Form des Unterbaus erscheint allerdings abweichend von der Beschreibung Hoopers von 1885 eher rechteckig. Ein Vergleich mit der Titelillustration aus The Adventures of Ajeeb wäre aufschlußreich. Bemerkenswert auf dem Foto ist die geöffnete Brustklappe Ajeebs; vor jeder Veranstaltung wurde sie – wie auch andere Öffnungen in Figur und Unterbau – geöffnet, um dem Publikum zu zeigen, dass sich in der Apparatur Technik und nicht etwa ein Mensch verbarg.

 

Im Eden-Museum in New York befindet sich ein Schachspielautomat, der im Laufe der Jahre nicht nur mehrere tausend Spiele gemacht, sondern auch mit ganz geringen Ausnahmen seine lebenden Gegner geschlagen hat. Man hat sich über diesen mechanischen Schachspieler schon viel den Kopf zerbrochen, denn es grenzt doch an das Fabelhafte, daß eine Maschine, denn das ist der Automat doch, einem denkenden Menschen überlegen ist. Die Figur stellt einen Mauren dar, der auf einem Kissen sitzt, unter dem sich ein offener Tisch befindet; vorn ist ein kleines Kabinett mit Türen, die alle offen sind, ebenso befinden sich auf der Brust und im Rücken der Figur Türen. Jedem Fremden steht es frei, ein Spiel mit dem Automaten zu machen. Die Bewegungen der Figur sind ungezwungen und leicht, sie macht ihre Züge mit derselben Sorgfalt wie ihr lebender Gegner, aber mit mehr Erfolg, denn, wie gesagt, der Gegner unterliegt in der Regel. Wenn der Automat Schach bietet, nickt er zweimal mit dem Kopf, setzt er aber matt, so nickt er dreimal.

 

(Quelle: Schwäbisches Bilderblatt, 1. Jg., Nr. 18, 20. März 1908)

 

Das häufig zu lesende Ende Ajeebs bei einem Brand auf Coney Island 1929 (z.B. Sunnucks) weist Whyld als Fehler nach: 1932 wurde Ajeeb, der seit 1915 überwiegend Damepartien austrug, von Jesse B. Hanson und Frank Frain erworben; erst während des 2. Weltkriegs verlieren sich die Spuren des Automats.

 

(Literatur: Kenneth Whyld: The Oriental Wonder, in: British Chess Magazine, January 1978;

Harry Golombek: The Encyclopedia of Chess, London: Batsford 1977 – David Hooper/Kenneth Whyld: The Oxford Companion to Chess, Oxford University Press 1984 - Anne Sunnucks: The Encyclopaedia of Chess, London: Robert Hale 1970)

 

 

© Martin Ramsauer, 17.2.2013 (Dank an H. E. aus T. für die Hilfe bei der Recherche!)

 

 

Bisher wenig beachtet wurde die Herbst-Ausgabe der US-Comic-Reihe Arcade, das auf den Seiten 15-18 die Story Famous Frauds : The great Ajeeb enthält.

 

Kim Deitch zeichnet darin die wechselvolle Geschichte des Schachautomaten nach, so setzt er beispielsweise Harry Nelson Pillsbury ins Bild, der Ajeeb zeitweise bediente. Deitch findet ein originelles Ende für seine Geschichte: Eines Tages im Jahre 1950 wird Ajeeb auf einem Jahrmarkt als Attraktion vorgeführt.

 

Eine Gruppe von Jungs fühlt sich herausgefordert, die Qualitäten der Maschine zu testen. Einer der Jungs besiegt Ajeeb, der von Jesse B. Hanson bedient wird. Letzterem ist nicht bewußt, dass er soeben gegen den künftigen Weltmeister Bobby Fischer verloren hat.

 

© Martin Ramsauer, 6.7.2013