"Besiegt"

 

Der junge Graf Henzendorf war ein vornehmer Kavalier; schlank und groß und von gemessenem Wesen, stellte er etwas vor, wenn er in seinem schweren, weißseidenen, goldgestickten Rock, das Haar sorgfältig gepudert, den Dreimaster unter dem Arm, die Dorfstraße einherschritt. Er wanderte seit einiger Zeit oft in Gedanken versunken die Straße entlang, und sein Weg führte ihn zu einem Schlosse in der Nachbarschaft, wo er mit der Komtesse Ilona Schach spielte. Der junge Graf hatte seit einiger Zeit eine ganz besondere Leidenschaft für das Schachspielen gefaßt, jedoch merkwürdigerweise nur für das Schach mit Komtesse Ilona - mit dem Vater der jungen Gräfin spielte er bei Weitem nicht so gern. Graf Henzendorf war ein galanter Mann, er ließ die Komtesse öfters gewinnen. Das wollte aber die junge Dame nicht, sie sagte: ein Schachspiel, bei dem der Partner absichtlich schlecht spiele, sei gar kein Spiel; sie wollten ihre Kräfte ehrlich messen. So befand sich denn eines Tages der junge Graf zu einem ehrlichen Spiel im Kredenzzimmer des Schlosses, und Gräfin Ilona spielte mit Feinheit und Klugheit. Der junge Graf schien wirklich die Galanterie jetzt bei Seite zu lassen, aber waren es die vielen Zuschauer im Zimmer, die ihn beirrten, oder trugen die großen schwarzen Augen Ilona´s die Schuld daran? Genug, er wurde besiegt unter dem Lächeln aller Anwesenden; diesem Lächeln schloß der junge Graf sich schließlich auch an. Das bedeutete, daß bei diesem Schachspiel sein Herz mehr bei der Sache war, als sein Verstand, was die übrigen Anwesenden, besonders die Komtesse Ilona selbst, gleichfalls anzunehmen schienen. So zeigt unser Bild [...] ein feines Stück vornehmen Liebeslebens aus dem gesellschaftlichen Verkehr um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Gerade zu jener Zeit spielte man Schach in allen gebildeten Kreisen, und auch die Damen ließen sich mit Vorliebe in seine Geheimnisse einweihen, so daß die Gewandtheit der jungen Gräfin in diesem Spiele nichts Auffälliges hat.

 

(Quelle: Illustrirte Chronik der Zeit vereinigt mit Gartenlaube, Heft 4, 1896, S.101 [Bild] und 104 [Text])

 

 

© Martin Ramsauer, 9.3.2013