Norman Mailers Erstlingsroman ist zugleich auch sein bekanntester und erfolgreichster: Die Nackten und die Toten (The Naked And The Death, 1948) handelt vom Pazifikkrieg zwischen der US Navy und den japanischen Invasoren während des 2. Weltkriegs. Aus der Perspektive einer Handvoll amerikanischer Soldaten, die als Aufklärungstruppe auf der Insel Anapopei ganz auf sich alleine gestellt sind, werden die Schrecken des Dschungelkriegs erzählt.

Zwei Passagen mit Schachthematik machen das Buch für diese Rubrik interessant:

 

[Cummings, der General der Landungstruppen voller Verzweiflung, weil die Telefonverbindung noch nicht besteht:] Aber sie mußten die Verbindungen haben! Ohne sie – ohne sie würde es sein, als ob man ihm mitten in einem Schachspiel die Augen verbunden hätte. Zwar könnte er dann noch den nächsten Zug des Gegners beurteilen und ihm begegnen, aber es würde schon schwieriger sein, den nächsten voraus zu wissen und den übernächsten, und er würde Züge machen, die sinnlos, wenn nicht verhängnisvoll wären. (S.112)

 

Der psychologische Höhepunkt des Romans ist die Auseinandersetzung zwischen General Cummings und Leutnant Hearn, während sie eine Partie Schach spielen:

 

Der General errichtete einen kleinen Klapptisch zwischen ihnen und begann die Figuren auf das Brett zu stellen. Hearn hatte ein- oder zweimal mit ihm über Schach gesprochen, und der General hatte beiläufig ein gemeinsames Spiel angedeutet, aber Hearn hatte nicht damit gerechnet. „Wollen Sie wirklich spielen?“ fragte er.

„Gewiß.“

„Wenn jemand herein kommt, wird es ein hübsches Bild sein.“

Der General grinste. „Unerlaubt, wie?“ Er hatte die Aufstellung beendet und nahm einen roten und einen weißen Bauern, verbarg jeden in einer Faust und streckte sie Hearn zur Wahl entgegen. „Ich liebe diese Figuren sehr“, sagte der General heiter. „Es ist handgeschnitztes Elfenbein, nicht so kostbar, wie Sie vielleicht meinen, aber der Mann, der sie schnitzte, hat sein Handwerk verstanden.“

Hearn hatte, ohne seine Meinung zu äußern, den roten Bauern bekkommen, und der General begann mit der Eröffnung. Hearn machte den konventionellen Gegenzug, stützte seinen Kopf bequem in seine breiten Hände und versuchte, die Figuren zu studieren.

Während der ersten Züge spielte er ziemlich sorglos. Er dachte eigentlich überhaupt nicht nach, sondern lauschte statt dessen auf das gedämpfte Rumpeln der Geschütze und das ständige Flackern der Coleman-Lampe.

Hearn wachte auf, um festzustellen, daß er sich bereits nach sechs Zügen in Bedrängnis befand. Unbedacht hatte er eine Schachregel verletzt, dadurch, dass er einen Springer zweimal gezogen hatte, ehe seine Entwicklung beendet war. Noch war seine Lage nicht gefährlich, der Springer stand nur in der vierten Reihe, und Rückzugsfelder konnten ihm leicht genug geöffnet werden, aber der General begann nun einen überraschenden Angriff. Hearn fing an, sein Spiel genau zu studieren. Der General könnte jetzt dadurch gewinnen, dass er seine Entwicklung vervollständigte und alle Vorteile aus der leicht überlegenen Stellung zog, die ihm die durchgeführte Entwicklung bieten würde. Aber es könnte lange dauern, und es würde unzweifelhaft schwierig sein, das Spiel zu beenden. Indessen startete der General einen Bauernangriff, der sich nachteilig auswirken mußte, falls er fehlschlug; denn dadurch wurde Cummings´ Entwicklung verzögert, und seine Königsbauern würden den König freistellen.

Hearn erwog seine Gegenzüge und verlor sich rasch in die schwindelerregenden Höhen des Schachspiels, wo er die gesamte Lage mit einem Teil seines Verstandes aufnehmen und zugleich die vielen Gegenzüge überprüfen mußte, die der General auf jeden eigenen Zug tun könnte, und die entsprechenden, noch komplizierteren Antworten, die darauf zu erteilen waren. Dann gab er dies auf und versuchte, die verschiedenen Varianten zu berechnen, die sich ergeben würden, wenn er eine andere Figur zöge.

Doch es war hoffnungslos. In einer ihn fast erschreckenden Aufeinanderfolge fühlte sich Hearn erst beunruhigt, dann bedroht und schließlich durch das Voranschreiten der generischen Bauernoffensive abgeschnitten. Hearn hatte auf dem College der Schachgruppe angehört und zu verschiedenen Zeiten seines Lebens diesem Spiel großes Interesse entgegengebracht. Er war ein genügend guter Spieler, um zu erkennen, was für ein ausgezeichneter der General war, und um etwas vom Charakter eines Mannes aus der Art seines Spieles zu entziffern. Der General war glänzend im Aufbau, und mit kalter Berechnung wußte er jeden Vorteil aus der leichten Überlegenheit, die er zu Beginn gewonnen hatte, zu ziehen. Hearn gab nach dem fünfundzwanzigsten Zug auf, nachdem er einen Springer und einen Bauern im Tausch gegen zwei Bauern verloren hatte, und setzte sich ermüdet in seinem Stuhl zurück. Das Spiel hatte ihn eingefangen, sein Interesse erneut geweckt und ihn mit dem dumpfen Wunsch erfüllt, ein neues zu beginnen.

„Sie sind nicht schlecht“, sagte der General.

„Ich spiele leidlich“, murmelte Hearn. Jetzt, nachdem das Spiel beendet war, vernahm er wieder die Geräusche des Dschungels draußen vorm Lager.

Der General tat die Figuren in das Kästchen zurück und schien jede einzelne mit den Fingerspitzen zu liebkosen, bevor er sie in den mit grünem Samt ausgeschlagenen Behälter legte. „Das ist wirklich das Spiel für mich, Robert. Ich habe eine einzige Leidenschaft: Schach.“

„Schach“, stellte Cummings fest, „ist unerschöpflich. In der Tat: konzentriertes Leben.“

Hearns Verdrießlichkeit wuchs. „Ich bin anderer Meinung“, sage er und lauschte auf die geringschätzige Betonung, die seine klare, scharfe Stimme den Worten gab. „Das, was mich beim Schach anregt und schließlich doch enttäuscht, ist, dass es nichts mit dem Leben zu tun hat.“

„Was denken Sie eigentlich, was Krieg ist?“

Da waren sie wieder aneinandergeraten. Hearn wünschte diesmal eine Diskussion zu vermeiden. Er war es müde, vom General überfahren zu werden. … „Ich weiß es nicht, aber Krieg ist gewiß kein Schachspiel.“ (S.177-180)

 

(zitiert aus: Norman Mailer: Die Nackten und die Toten / deutsche Übersetzung von Walter Kahnert, Gütersloh: Mohndruck 1989)

 

 

© Martin Ramsauer, 19.1.2013