Michel Tournier

 

Im zweiten Teil seiner Lebenserinnerungen berichtet Dr. Gerhard Richter (vgl. zu Gerhard Richter den Artikel über Walter Korn in der Rubrik "Schachgeschichte") von seiner beruflichen Bekanntschaft mit dem Stuttgarter Staatsanwalt Hellmut Waller. Neben fachbezogenen Dingen erwähnt er auch, dass

 

[Wallers] Name in der sog. schönen Literatur nicht unbekannt [blieb], hat er doch alle Bücher des französischen Romanautors Turnier in das Deutsche ("Der Erlkönig") übersetzt.

 

(Quelle: Gerhard Richter: Bericht über die Zeit der Berufstätigkeit, Biografische Skizze Teil 2 : Erinnerungen an Familie, Freunde und Bekannte, Marbach 2009, S.9)

 

Ob Richter dabei bewußt war, dass Tournier in seinen Büchern immer wieder das Schachspiel als Motiv aufgreift, bleibt unerwähnt.

 

Der Erlkönig, sicherlich Tourniers bekanntestes Buch, ist ein grotesker Roman über das abenteuerliche Leben des französischen Sonderlings Abel Tiffauge, der konsequent seinem vorbestimmten Schicksal folgt. An zwei Stellen klingen Motive aus dem Schachspiel an:

 

Der hitzige Obers Pujalon dagegen träumte von nichts anderem als von umfangreichen Truppenbewegungen. er sprach nur vom "Rochieren mit Einheiten"... (S.156)

 

Dort werden die Minen...schachbrettartig verlegt... (S.348)

 

(zitiert nach der Ausgabe Tournier, Michel: Der Erlkönig / deutsch von Hellmut Waller [Fischer Taschenbuch, 5793], Frankfurt: Fischer 1990, 16.-18. Tausend)

 

 

Das Liebesmahl : Novellen einer Nacht sind mehrere in eine Rahmenhandlung eingebettete Kurzgeschichten. Darunter auf S.46-72: Der Ausflug in die Kindheit. Der Erzähler besucht einen Freund aus der Kindheit und erfährt vom Schicksal weiterer Klassenkameraden. Durch übereiltes Vorpreschen verspielt er alle Möglichkeiten ein leerstehendes Pfarrhaus zu kaufen, wonach ihn sein Freund tadelt:

 

Du bist zu rasch vorgegangen. Du hättest ... geduldig deine Bauern vorschieben sollen. (S.71)

 

(zitiert nach der Ausgabe Tournier, Michel: Das Liebesmahl : Novellen einer Nacht / aus dem Französischen von Hellmut Waller, Hamburg: Hoffmann und Campe 1990)

 

 

 

 

Das zentrale Thema ist Schach im Kinderbuch Lucio oder die Belagerung des Glücks (aus dem Französischen von Hellmut Waller, München-Wien: Carl Hanser Verlag 1999):

 

Schloss Cléricourt wird im 15. Jahrhundert von den Engländern belagert. Jérôme Faber kommt mit seinem Sohn Lucio aus Italien geeilt, um das Schloss zu retten: Er fordert den Belagerer Exmoor zu Schachpartien heraus; letzterer gewinnt aber zweimal, indem er – der die Regeln überhaupt nicht kennt – die Züge Fabers kopiert (auf den Seiten 49-51 ist die Notation der beiden Partien wiedergegeben). Ein Zufallstreffer mit einer neuartigen Feldschlange, von Lucio abgefeuert, beendet letztlich die Belagerung.

 

Noch vor Beginn des Wettkampfes wird auf den geheimnisvollen Ursprung des Schachspiels angespielt als die Legende von Palamedes (S.35), sowie die Weizenkornlegende (S.36-38) erzählt werden.

 

 

 

© Martin Ramsauer, 3.1.2013