James Jones (1921-1977) war kein besonders produktiver Autor was die Zahl seiner Werke anbetrifft. Seine Romane sind jedoch großzügig angelegt und daher relativ umfangreich. Am bekanntesten ist seine autobiographisch motivierte Romantrilogie über den 2. Weltkrieg. Alle drei Romane enthalten Bezüge zum Schachspiel:

 

Verdammt in alle Ewigkeit (1951) schildert das harte Soldatenleben auf Hawaii in den Monaten vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour.

 

„Nun“, sagte Warden. „Was zum Teufel wollen Sie?“

Prew schaute ihn gleichmütig an, ohne eine Antwort zu geben und ohne sich verwirren zu lassen. Und eine Zeitlang schwiegen beide, während sie sich gegenseitig abschätzten, wie sich zwei Schachspieler abschätzen, ehe sie mit dem Spiel beginnen. In keinem der beiden Gesichter stand offene Abneigung, nur eine Art kalter eingewurzelter Gegnerschaft. (S.51)

 

Später, bei einem weiteren Boxkampf Prews:

 

Er konnte hören, wie sie hinter seinem Rücken seine Erfolgsaussichten diskutierten, als beobachteten sie den Versuch eines neuen Gambit in einem Schachspiel. (S.461)

 

Feldwebel Wardens Gedanken, als er von einem der altgedienten Soldaten, Niccolo Leva, bedrängt wird, ihn für die neu zu besetzende Stelle eines Kammerunteroffiziers vorzugeschlagen:

 

Er war im Begriff nachzugeben. Er war reif dafür. Er hatte sein Pulver verschossen. Sein Ärger war verraucht, und er war bereit einzulenken. Es war wie eine Schachpartie aus dem Lehrbuch, die man mit Zug und Gegenzug immer und immer wieder spielt und deren Sieger man im voraus kennt und die man lediglich spielt, weil man den Stil genießt.

Er war darauf vorbereitet, den Todesstoß zu empfangen, und Warden brauchte nur die Figur aufzunehmen und sie auf dasselbe Feld wie immer zu stellen, und es war schachmatt. (S.576)

 

[zitiert aus: James Jones: Verdammt in alle Ewigkeit / Übersetzung von Otto Schrag, Gütersloh: Mohndruck o.J. (Lizenzausgabe)]

 

 

In Der tanzende Elefant (1962) wird mit schonungsloser Offenheit die Grausamkeit des pazifischen Inselkriegs dargestellt.

 

Nach einem festgelaufenen Angriff kommen Hauptmann Stein Bilder in den Sinn, die er zwei Tage zuvor auf Höhe 207 erblickt hatte:

 

Da stand er wieder, der gleiche gehetzte Bataillonskommandeur mit dem Fernglas; die gleiche Versammlung von Obersten und Generalen, die ihm über die Schulter sahen; die gleiche Menge von Schachfiguren, die den Hals verrenkten, um etwas zu sehen, ganz wie Zuschauer in einem Stadion. (S.261)

 

[zitiert aus: James Jones: Der tanzende Elefant / deutsch von G. Danehl, Stuttgart – Hamburg: Deutscher Bücherbund o.J. (Lizenzausgabe)]

 

 

Heimkehr der Verdammten (1978): Roman über vier Veteranen des Pazifikkriegs. Kompaniefeldwebel Winch sinniert über das Leben als Veteran:

 

Nun ja, das Leben war ein Scheißspiel, nichts weiter. Auch wer schon im Sterben lag, nahm noch daran teil wie an einer Pokerrunde, einer Schachpartie, einem Fußballspiel. (S.171)

 

[Beschreibung des Geschehens im Freizeitraum eines Lazaretts:] Einige Gestalten in Lazarettkitteln spielten Dame an niedrigen Tischen. Zwei Geistesriesen vergnügten sich mit Schach. (S.221)

 

Winch hatte im Laufe seiner Militärzeit einige Fertigkeiten erworben, wie Landers, der ihn mit der Vermessenheit des Intellektuellen eines Tages zu einer Schachpartie herausgefordert hatte, zu seinem Leidwesen bemerken mußte. (S.222)

 

[zitiert aus: James Jones: Heimkehr der Verdammten / aus dem Amerikanischen von Emil Bastuk, Stuttgart – Hamburg: Deutscher Bücherbund o.J. (Lizenzausgabe)]

 

 

Jones´ umfangreichster Roman ist Die Entwurzelten (1957). Er handelt vom Neubeginn des bürgerlichen Lebens in einer Kleinstadt des mittleren Westens in den USA nach dem 2. Weltkrieg. Dave Hirsh, Rückkehrer aus dem Krieg in Europa, versucht, an seine Vorkriegs-Erfolge als Schriftsteller anzuknüpfen; dabei helfen ihm der Literaturprofessor Bob French und seine Tochter Gwen, ebenfalls Dozentin für Literatur; mit beiden spielt er gelegentlich Schach (S.299-301, 343, 584, 753f.)

 

Bob French schreibt ein Gedicht „Der König ist hilflos“ über das Schachspiel, ein

 

Versuch, das Schachspiel als eine Spiegelung der Beziehungen zwischen Menschen zu analysieren und auszudrücken, die es ja erfunden hatten, das Symbol des Schachspiels verwendet würde – und dies vielleicht sogar durch die Schilderung der einzelnen Züge.

 

 

Die ursprüngliche Idee war ihm eines Tages während des letzten Winters gekommen … als er dort am Schachtisch saß …, unter anderem die Einsicht nämlich, dass die Königin die stärkste Figur auf dem Schachbrett darstelle, während der König hingegen die schwächste sei – tatsächlich fast eine Behinderung, mit Ausnahme von ganz seltenen Gelegenheiten oder ganz am Ende einer Partie. Und doch komme es im Spiel darauf an, nicht etwa die Königin zu schützen, die stärkste, sondern den König, die schwächste Figur. Warum war das Spiel in dieser Weise angelegt? Warum hatte derjenige, welche Individuen und Gruppen es auch seni mochten, der das moderne Schachspiel erfunden hatte, nicht den König zur stärksten Figur und die Königin zur schwächsten gemacht und damit dem Spiel die Aufgabe gestellt, die Königin zu schützen? Das wäre doch die normale Reaktion eines jeden Mannes gewesen, oder etwa nicht? Allein die männliche Eitelkeit hätte das doch gefordert. Und doch hatte der, wer immer es erfunden haben mochte, genau das Gegenteil getan. Hatte also eine Frau das Spiel erfunden? (S.470)

 

Auch das Damespiel findet Erwähnung: S. 306, 308, 341, 802

 

[zitiert aus: James Jones: Die Entwurzelten / übersetzt von Werner v. Grünau, Gütersloh: Mohn & Co GmbH o.J. (Lizenzausgabe)]

 

 

Jones´ autobiographisches Spätwerk Mai in Paris (1970) über die Studentenunruhen in Paris 1968 enthält die Beschreibung der Wohnung eines Freundes des Erzählers:

 

Der Fußboden einer der Kammern war um etwa 30 Zentimeter angehoben und mit einem blauen, filzartigen Belag versehen worden; darauf befand sich eine Doppelmatratze und darüber eine Leselampe. Rundherum war genug Platz, um Aschenbecher, Bücher, Gläser, Flaschen und ein Schachbrett abzustellen. (S.41)

 

[zitiert aus: James Jones: Mai in Paris / aus dem Amerikanischen übersetzt von Emil Bastuk, Gütersloh: Reinhard Mohn OHG o.J. (Lizenzausgabe)]

 

 

Weitere Romane: Kraftproben (1967), Das Sonnenparadies (1973) bzw. Erzählungen: So ist das eben, Zwei Beine zwei Männer, Vier Brüder (allesamt im Band Das Messer und andere Erzählungen enthalten) bieten Redewendungen wie „in Schach halten“, sind aber ohne tieferen Schachbezug.

 

 

© Martin Ramsauer, 19.1.2013